«Hilf mir mal, ich hab mich in der Leistungsspirale verheddert» – ein abstrakter Titel, der erst einmal nicht viel verrät. In verschiedenen Szenen zeigt das diesjährige Theaterensemble, wo in unserem Alltag überall Leistungsspiralen versteckt sind.

Anlässe – Theater

Theater über Leistungsdruck

Das Saallicht geht aus und es erklingt laute Rockmusik aus den 80er-Jahren. Die Scheinwerfer beleuchten die erste Szene: Ein Schulzimmer in einer Prüfungssituation. Wir sehen die Szene zweimal; beim ersten Mal aus der Perspektive einer Schülerin, deren neurologische Grundausstattung perfekt auf das hiesige Schulsystem zugeschnitten ist.

In der zweiten Version der Szene sehen wir eine Schülerin, die sich sichtlich schwertut – ihr läuft die bekannte Melodie von Edvard Griegs «King of the mountain hall» nach, einmal in einer lässigen Jazz-Variante von Duke Ellington, einmal in einer groovige Cha-Cha-Cha-Interpretation, und zum Schluss dröhnen die lauten Paukenwirbel der klassischen Version des Stücks. Die Lehrerin rügt die schlechte Leistung und zeigt kein Verständnis für das Lied im Ohr der Schülerin: «Dies ist eine öffentliche Schule; hier haben alle die genau gleichen Chancen.» Betretenes Schmunzeln im Publikum.

Szenenwechsel auf eine belebte Strasse: Das Spiel nimmt Fahrt auf; das kleine Ensemble belebt mit immer neuen Figuren und Kostümen die Szenerie und überrascht. Im Mittelpunkt steht ein Promotionsstand der Organisation Care About Sustainable Habitats, kurz: CASH. Wer kennt sie nicht – die Dialoger-Teams, die in Corporate Identity gekleidet mit ihren Ständen die Schweizer Strassen unsicher machen. Die Passant:innen entwickeln äusserst kreative Fluchtstrategien, um nicht überredet zu werden, ihr schlechtes Gewissen mit einer monatlichen Spende reinzuwaschen.

Zum Beispiel, indem sie sich an einem regnerischen Tag wortwörtlich abschirmen. In einer anderen Szene macht die Dialogerin einer Passantin ein Kompliment und kommt danach kaum mehr aus der selbst gelegten Flirt-Falle heraus. Eine Optikerin lenkt das Spendengespräch immer wieder geschickt auf ihr eigenes Geschäft und versucht, der CASH-Mitarbeiterin nachhaltig produzierte Brillenmodelle unterzujubeln.

Kurz darauf bildet sich mitten auf der Strasse eine spontane Klimademo – vom undurchsichtigen Spendengeschäft mitten in den Aktivismus. Sogar die Dialogerin demonstriert mit – und das Publikum! Aber CASH schlägt zurück und hypnotisiert alle mit einem Werbespot. Ist es nicht doch attraktiver, beim Welt-Verbessern gutes Geld zu machen? Und dann sind wir mittendrin, in der Leistungsspirale, ohnmächtig zwischen Social Media und Geldsorgen.

Nach einem Schwindelanfall wird plötzlich Bühnendeutsch gesprochen, und wir befinden uns in einem anspruchsvollen Gespräch über die Komplexität einer westlichen Welt, die vieles erreicht hat und sich je länger je mehr mit der Frage konfrontiert sieht, wer für diesen «Fortschritt» bezahlen musste und wer dafür Verantwortung übernehmen sollte.

Und dann werden Tränen gelacht, die Anspannung fällt ab, und es beginnt zu regnen. Ein Text über das Erwachsenwerden (geschrieben von Sel Wanninger) rundet die Aufführung ab und lässt das Publikum in gelöster und zugleich nachdenklicher Stimmung auf den Stühlen verharren.

Text: Joel Franz
Bilder: Roberto Huber