Walter Obschlager war ein KMEler der ersten Stunde. Er gründete eine Studierendenzeitschrift und setzte sich – ganz im Geist seiner Zeit für mehr Mitbestimmung der Schülerschaft ein.

Im Gespräch mit Studierenden, die ihre Ausbildung vor 50 Jahren in den allerersten Klassen der KME begonnen hatten, fiel mir ein Wort besonders auf: Mitbestimmung. Die 1970 aus der Taufe gehobene KME war zwar neu, die Strukturen ähnelten aber jenen bisheriger Kantonsschulen. Besonders der spätere Leiter des Max FrischArchivs an der ETH Zürich, Walter Obschlager, hebt hervor, dass der Unterricht alles andere als abwechslungsreich gewesen sei. Die Lehrpersonen unterrichteten fast ausnahmslos frontal. Der Lernprozess als solcher wurde nicht thematisiert. «Wir waren auf uns selbst gestellt», betont er. 

Kein Wunder begannen einige Studierende rasch Änderungen zu fordern. Sie gründeten eine Schülerzeitung namens «Fact» (Download PDF), die bis 1972 erschien und eine wertvolle Quelle für den Alltag an der neugegründeten Schule darstellt.

Walter Obschlager vor der alten KME am Schanzenberg, Sommer 2020

Rund sechs Studierende arbeiteten mit und machten sich gemeinsam für mehr Partizipation im schulischen Alltag stark. In der vierten Ausgabe von «Fact» findet sich im April 1971 unter dem Titel «Mitbestimmung an der Kantonalen Maturitätsschule für Erwachsene, Zürich» folgender Text: «Auf allen Schulstufen, die ein Schweizerbürger durchwandert, wird Demokratie angepriesen. An zahllosen Funktionsmodellen von «Referendum und Initiative» bis hin zur «Volksabstimmung» werden Idealbilder schweizerischer Demokratie gemalt, die zwar die Grundzüge unserer Staatsform richtig wiedergeben, aber über die tatsächlichen Vorgänge auf der politischen Bühne gar nichts aussagen. Eine Erwachsenenschule mit Schülern, die alle in ihren Berufen Verantwortung getragen haben, müsste die Gelegenheit ergreifen, dieses bereits vorhandene Verantwortungsbewusstsein zugunsten der Schule zu nutzen. Konstruktive Kritik, Vorschläge und Wünsche der Schüler hängen aber so lange in der Luft, als diese Schüler «Aussenstehende» sind und keinen Einblick in schulinterne Vorgänge haben.»

Cover der 4. Ausgabe von «Fact», April 1971 

Zwar gebe es, schrieben Walter Obschlager und sein Redaktionskollege Kurt E. Merki damals, «KME-Schüler, die mit möglichst wenig Umtrieben ihre Maturität erreichen wollen», die meisten aber würden in der KME mehr sehen als nur ein Mittel, um an die Hochschule zu gelangen. Deshalb entwarfen die «Fact»-Autoren ein ausgeklügeltes Mitbestimmungsmodell für die KME, das für die damalige Zeit utopisch anmutete. An der Basis ihres Konzeptes stand – ganz im Geist der damaligen Zeit – eine Schülerversammlung.  

Die Studierenden forderten, Einfluss nehmen zu können auf die Auswahl der Lehrmittel, die Gestaltung des Lehrplans und des Unterrichts. Sie fanden:  «Die Auseinandersetzung mit dem Wissen, das gemeinsam mit den Lehrern erarbeitet wird, sollte begleitet sein von einer ebenso lebendigen und engagierten Diskussion der «Bildungsstätte an sich», ihrer Gestaltung, ihrer Wirkung und ihres Inhalts.»  

 

Organigramm für die Mitbestimmung der Studierenden an der KME, 4. Ausgabe von «Fact», April 1971

Und was tat die Schulleitung unter dem damaligen Rektor Philipp Haerle? Sie zeigte sich scheinbar kooperativ. Es kam zu gemeinsamen Sitzungen mit Delegierten der Studierenden. Obschlager war fast immer dabei. Eine 3-jährige «Experimentierphase» wurde vereinbart, deren Umsetzung aber schon bald ins Stocken geriet. Walter Obschlager bestand 1972 erfolgreich die Matura, gleichzeitig ebbte der Reformeifer ab und die Schülerzeitung «Fact» verschwand. Vieles blieb – vorerst – beim Alten.  

Text: Andreas Villiger

Bilder: Andreas Villiger