Bei der Arbeit an der Jubiläumsschrift war es wie beim Reisen: Planung ist das A und O, aber das Überraschende, nicht Planbare ist das Salz jeder Reise.

 

 

 

 

von Thomas Fähndrich

Themenfäden verbinden die drei Bände der KME-Festschrift. So sprachen wir für den Teil «Erinnerung» mit Lehrpersonen der ersten Stunde, für den Teil «Anschauung» mit erfahrenen heutigen Lehrkräften und für den Teil «Erwartung» mit jungen Lehrkräften, die am Anfang ihrer Laufbahn stehen. Genau gleich gingen wir bei den Schulhäusern vor, in denen die KME war, ist und sein wird. Ohne Planung wäre die Schrift zu einem Sammelsurium verkommen.

Aus dem Nest geworfen!

Ich erinnere mich gut an den Umzug vom Schanzenberg ins BIZE im Seefeld. Viele verspürten Wehmut, als wir das altehrwürdige Gebäude direkt neben der Uni verlassen mussten. Das aussergewöhnliche Schulhaus hatte so gut zu unserer aussergewöhnlichen Schule gepasst. Markus Pfister, unser Hauswart, der traurigerweise letztes Jahr an Covid-19 verstorben ist, weinte, als er die Tafel mit dem Logo der KME entfernte und sie Heiri Strebel überreichte. 

Das Schulhaus im Seefeld wirkte ganz gewöhnlich, wie viele andere eben.  
Doch es ist gleich alt wie die KME, verkörpert in der Sprache der Architektur den bildungspolitischen Aufbruch der 60er- und 70er-Jahre, den Geist, der zur Gründung der KME geführt hat. Die KME hatte mit dem Umzug das Schulhaus gefunden, das perfekt zu ihr passt.

«Am Mute hängt der Erfolg»

Salz der Redaktionsarbeit war auch das Gespräch mit dem ehemaligen Lehrerkollegen Bernhard Meili, der die KME in ihren Anfangsjahren als Studierender besucht hatte. Sein inneres Feuer war spürbar, als er berichtete, wie er den damaligen Rektor durch eine beherzte Stellungnahme dazu bewegt hatte, ihn trotz etwas dürftigen Kenntnissen in Französisch an der KME aufzunehmen.
Wir hatten das Gespräch in der Mediothek geführt. Dort hatte ich ihn auch fotografiert. Welche Überraschung, als ich das Bild genauer betrachtete. Hinter ihm an der Wand hing ein Blatt mit einem Zitat aus Fontanes Roman «Stine»: «Am Mute hängt der Erfolg». Die Mediothekarin hatte es aufgehängt. Wir hatten uns, ohne es zu merken, davor gesetzt. 

 

Überraschende Geschichten 

Arbeitet man lange im Schulbetrieb, ist man gefährdet, den jährlichen Wechsel der Studierenden als eine Art Austausch wahrzunehmen. Dort, wo letztes Jahr die Pflegefachfrau R. H. sass, sitzt nun die Pharmaassistentin E. G. Beide haben die Berufsmatura im Sack, beide möchten an der Universität studieren. 

Viele Geschichten bleiben verborgen. Die Arbeit an der Jubiläumsschrift hat einige überraschende sichtbar gemacht. 

Kathrine Lopez, die Mutter von zwei Kindern, die eben ins Gymi eingetreten sind, begegnet auf einem Spaziergang einer unbekannten Frau, die ihr beiläufig von der KME erzählt. Das ist der zündende Funke, der Aufbruch. Zusammen mit ihren beiden Kindern hält sie drei Jahre später im gleichen Sommer das Maturitätszeugnis in den Händen und wird später Psychologin.

 

Oder Neige Aongo, die junge Frau aus dem Kongo. Sie ist zusammen mit ihrem Vater und ihrem Bruder als Asylbewerberin in die Schweiz gekommen. Hier hat sie zuerst in einem Durchgangszentrum gelebt und dann peu-à-peu Fuss gefasst, bis nach der bestandenen Berufsmatura der Weg an die KME möglich wurde. 

Geschichten, die nur die KME schreiben kann, Geschichten, die ich in spannenden Gesprächen entdecken durfte. 

 

Text: Thomas Fähndrich

Bilder: Thomas Fähndrich