Goldberg-Variationen

Musik und Architektur

Von Julian Führer

Satoko Kato unterrichtet an der KME Klavier und begleitet seit Jahrzehnten die Studierenden der Gesangsklassen bei Vortragsübungen und Konzerten. Nun hat sie im Corona-Jahr 2020 ein Herzensprojekt realisiert und die Goldberg-Variationen von Johann Sebastian Bach auf CD eingespielt.

 

Die Goldberg-Variationen Johann Sebastian Bachs BMW 988 – in der Klavierliteratur sind sie gewissermassen ein Achttausender, sie stehen neben den Präludien und Fugen, neben dem Wohltemperierten Klavier, neben Beethovens Klaviersonaten und neben nur ganz wenigen anderen Werken, die der Musikgeschichte eine ganz neue Richtung gegeben haben. Seit vielen Generationen haben sich Pianistinnen und Pianisten immer wieder mit diesem Werk auseinandergesetzt.

In der Aufführungstradition haben sich mehrere Herangehensweisen herausgebildet; legendär sind etwa die Interpretationen von Glenn Gould und Karl Richter, die gern als musikalische Antipoden dargestellt werden. Satoko Kato hat nun ihre Auffassung von diesem monumentalen Werk auf einer CD dokumentiert, die im Sommer 2020 in Luzern aufgenommen wurde.

Bereits die Aufmachung ist reizvoll – mit Sinn für Details wird im Booklet (in deutscher und japanischer Sprache) ein schlüssiger Bezug zur Architektur hergestellt. Bachs zunächst oftmals streng wirkender Kompositionsstil hat in den Goldberg-Variationen auch seine humorvollen Seiten, die aber stets die Basslinie der einleitenden Aria beibehalten.

Wie in einem grossen Gebäude werden so verschiedene Räume durchmessen, ohne je den Bezug zum Ganzen zu verlieren. Gemeinsam mit der Architektin Reiko Mizutani hat Satoko Kato diese Bezüge visuell erfahrbar gemacht, ebenso Bachs virtuosen Durchgang durch die Tonarten.

«Gerade in den Variationen 6 und 15 legt sie eine beeindruckende Virtuosität an den Tag.»

Satoko Kato vermag es, einen eigenen Zugang zu finden – am modernen Konzertflügel statt am Cembalo mit zwei Manualen (was für die Handbewegungen eine nicht immer einfache Umstellung ist!), jedoch weit entfernt vom romantisierenden Klangbild des 19. Jahrhunderts, das die Bachrezeption bis weit ins 20. Jahrhundert geprägt hat. Ebenso geht sie den radikalen Subjektivismen einzelner Interpreten aus dem Weg.

Sie nutzt die Möglichkeiten des Instruments für dynamische Abstufungen (diese Möglichkeit hatte Bach noch nicht) und kleine Ritardandi, gerade in den Variationen 6 und 15 legt sie eine beeindruckende Virtuosität an den Tag. Dies ist kein Bach für Originalklangfans, vielmehr eine Einspielung, die um die verschiedenen Ansätze weiss und ihnen eine durchaus neue Note hinzufügt.

Das J. S. Bach-Haus-Projekt / Musik & Architektur. Goldberg-Variationen BWV 988. Satoko Kato, Piano. CDSaru Music 2020001 (November 2020), 73 min.

Link zum Bach-Haus-Projekt auf Youtube.

Homepage von Satoko Kato.

Text: Julian Führer
Bilder: Roberto Huber & Taku Hata