«Responses»

Auf ein Bild ein Gedicht

Ein Interview mit Anne Broger und Matthias Schaedler

Im Frühjahr 2020 planten Anne Broger und Matthias Schaedler eine gemeinsame Ausstellung in der Galerie Tenne in Schwamendingen. Der Lockdown hat ihnen einen Strich durch die Rechnung gemacht. Die Vernissage wurde verschoben, doch setzte die Pandemie neue Kräfte frei. Im Gespräch mit Andreas Villiger äussern sie sich zu ihrem Projekt «Responses».

ANDREAS: Matthias, worum ging es bei diesem gemeinsamen Projekt?

 

MATTHIAS: Ich möchte gleich das Wort «gemeinsam» in den Mittelpunkt stellen. Die Grundidee war, nicht einfach meine Zeichnungen und Bilder mit den Gedichten von Anne unter dem gleichen Dach zu zeigen, sondern wir wollten, dass die Gedichte auf Bilder und Zeichnungen Bezug nehmen und ich umgekehrt mit meinen Bildern und Zeichnungen auf die Texte von Anne reagiere. Das war auch eine spezielle Herausforderung, weil wir zwei verschiedene Ausdrucksweisen verwenden und ich sagen muss, dass es mir nur bedingt gelungen ist, auf die Gedichte Bezug zu nehmen. Da ist es Anne bedeutend besser geglückt, auf bestehende Zeichnungen und Bilder von mir direkt zu reagieren.

ANDREAS: Wie war die Vorgehensweise?

ANNE: Matthias hat mir eine Anzahl von Bildern und Zeichnungen geschickt, elektronisch, sodass ich sie auf meinem Bildschirm anschauen konnte. Ich habe einerseits meine Assoziationen dazu gesammelt und andererseits überlegt, was den Unterschied zwischen einem Bild und einem Text ausmacht. Ein Bild erschliesst sich auf einen Blick oder zumindest sind alle Elemente zur gleichen Zeit auf einen Blick grundsätzlich sichtbar. Ein Gedicht hat einen Anfang und ein Ende und entwickelt sich allmählich beim Lesen.

Aufgrund meiner Assoziationen und Überlegungen habe ich schliesslich zu schreiben begonnen: je ein Gedicht zu Matthias‘ Greifensee-Zeichnungen, zu seinen Wasserfall-Aquarellen, zu Zeichnungen und Aquarellen der beiden Flüsse Brenno und Inn. Es folgte eine Phase des Überarbeitens oder auch des Verwerfens. Das Gedicht, das ich allen anderen Gedichten voranstellte und, wenn ich mich richtig erinnere, als erstes geschrieben hatte, thematisiert unseren Leitgedanken: „Auf ein Bild/ein Gedicht/neues Gebilde“. Als Nächstes setzten Matthias und ich uns wieder zusammen, diskutierten über die Bilder und Gedichte und machten uns Gedanken über das Ausstellungskonzept.

«Ein Gedicht hat einen Anfang und ein Ende und entwickelt sich allmählich beim Lesen.»

MATTHIAS: Vielleicht muss man noch ergänzend sagen, dass Anne und ich uns seit langem kennen. Ich habe ihre Gedichte ganz unabhängig von diesem Projekt gekannt. Viele Gedichte von Anne waren mir sehr vertraut. Anne ist auch in Ausstellungen von mir gewesen. Wir haben gesehen, dass es thematische Affinitäten gibt. Vielleicht eine gewisse Liebe zum Zürichsee bei Anne, und zum Greifensee bei mir. Solche Affinitäten haben wir gespürt.

ANNE: Ja, diese Affinitäten sind wichtig. Wir waren uns bald einig, welche Gedichte am besten mit den Bildern ‚korrespondieren‘.

Die nächste Frage war: Wie stellt man Gedichte aus? Matthias‘ Idee, einige Gedichte von Hand mit Kohlestift aufzuschreiben und in einen eigenen Rahmen im Format der Bilder zu setzen, erwies sich als passend, weil es zwischen Handschrift und Zeichnung eine formale Verwandtschaft gibt. In einem Fall haben wir Bild und Gedicht nebeneinander in denselben Rahmen gefügt, um den engen Bezug von Bild und Gedicht aufzuzeigen und zu einem einzigen Ganzen zusammenzufügen. Andere Gedichte sind maschinenschriftlich ausgestellt; auf diese Weise wollten wir den Unterschied in der Medialität von Text und Bild sichtbar machen.

MATTHIAS: Und da kommt der Titel ins Spiel. Anne hat von Verwandtschaften gesprochen. Es sind natürlich auch in einem gewissen Sinn Antworten. Deshalb der Titel «Responses». Das eine antwortet auf das andere und das öffnet einen neuen Raum.

ANDREAS: Dann muss es für euch sicher ein Schock gewesen sein, als die Vernissage im Frühjahr abgesagt und auf den Herbst verschoben wurde.

MATTHIAS: «Schock» ist wahrscheinlich ein zu starkes Wort, denn der Lockdown hat sich in Etappen angekündigt.

Ich finde gerade im Rückblick, dass wir das recht pragmatisch gelöst haben. Wir hatten das Glück, dass uns die Ortsgeschichtliche Kommission Schwamendingen mit den Ausstellungsräumen sehr entgegengekommen ist. Wir hatten zudem das Glück, dass wir ein Verschiebedatum finden konnten.
Heute, im Januar 2021, muss ich sagen, dass wir das kurze Zeitfenster Ende Oktober, während dem die Museen und Ausstellungen geöffnet waren, gut nutzen konnten. Auch wenn wir unsere Ausstellung wegen Corona unter etwas erschwerten Bedingungen durchführen mussten, konnten wir sie wenigstens durchführen. Wir sind dafür sehr dankbar, denn dieses Fenster ist eng gewesen.

Und nicht zuletzt: Während des Lockdowns im Frühjahr ergab sich sogar eine ganz neue Möglichkeit, an die wir ursprünglich gar nicht gedacht hatten. Aber das kann Anne am besten konkretisieren.

ANNE: Im Lockdown kehrte eine gewisse wohltuende Ruhe ein. Aber natürlich gab es das Bedürfnis, den Kontakt mit Freunden, mit anderen Menschen aufrechtzuerhalten – von allen Seiten. Da muss ich nun auf meinen Verleger Thomas Howeg von der Edition Howeg zu sprechen kommen. Er verschickte an seine Kund*innen und Autor*innen regelmässig Post und warb mit witzigen Sprüchen für seine Bücher, darunter waren manchmal kleine Geschenke, einmal ein Beutelchen mit Thymiangewürz. Ich dachte, nett, etwas Sinnliches mit Duft.

Mir kam in den Sinn, dass ich etwa ein Jahr zuvor eine Reihe von Gewürzgedichten geschrieben hatte, inspiriert von einem Garten in der Toskana. Diese schickte ich meinem Verleger als kleines Gegengeschenk. Sie waren für mich mehr ein Experiment gewesen als für die Veröffentlichung gedacht. Die Gedichte sind in sapphischen Strophen verfasst. Die sapphische Strophe besteht aus drei elfsilbigen Versen und einem vierten fünfsilbigen Vers. Ein antikes griechisches Versmass, reimlos. So viel zur Form. Als Thema wählte ich, wie gesagt, Pflanzen, vor allem Kräuter: Salbei, Thymian, Minze …, neun Pflanzen und zum Schluss eine Kräutermischung, zehn Gedichte. Zu meiner Überraschung wirkten die Gedichte eher prosaisch, nicht so artifiziell und poetisch, wie ich mir vorgestellt hatte.

ANNE: Ich schickte diese Gedichte also meinem Verleger. Er antwortete, dass er etwas daraus machen möchte, da müssten aber Bilder her. Nichts war naheliegender, als Matthias zu fragen. Seine Pflanzen- und Blumenzeichnungen waren mir von früheren Ausstellungen noch immer vor Augen. Zu meiner Freude sagte Matthias ohne Zögern zu. So entstand unser ‚giardino‘-Projekt. Dazu musst du, Matthias, jetzt vielleicht Näheres sagen.

MATTHIAS: Dank dem Lockdown gab es viel Ruhe, wie du gesagt hast, und ich habe mich in die Arbeit hineingekniet, das kann ich sagen. Es war schönes Wetter. Ich habe häufig auch im Garten gezeichnet. Sieben der neun Pflanzen konnte ich in meinem eigenen Garten finden und zeichnen. Zwei waren etwas schwieriger aufzutreiben.

Mir war schnell klar: Ich muss die Pflanze vor mir haben. Sehr schnell war auch entschieden, dass die Zeichnung im Original nicht grösser sein sollte als das Format der Publikation, ein A6-Format. Ich habe deshalb mit Schablone gearbeitet. Weil das ein relativ kleines Format ist, habe ich mich auf Bleistift beschränkt und habe versucht, dem Wesen dieser Pflanzen nachzuspüren und ‘nachzudenken’, ausgehend von den Texten, die ich von Anne hatte. Also von dem auszugehen, was sie z. B. vom «feinverzweigten, duftenden» Thymian schreibt oder vom Rosmarin oder der Verbena. Und so ist das ein zweites Responses-Projekt geworden. Diesmal waren die Texte zuerst da und ich habe versucht, mit meinen Zeichnungen zu reagieren.

«Diesmal waren die Texte zuerst da und ich habe versucht, mit meinen Zeichnungen zu reagieren.»

ANDREAS: Welchen Resonanzraum schafft das Gedicht für das Bild?

MATTHIAS: Ich kann’s vielleicht an der Minze erklären. Anne spricht in ihrem Gedicht von den «runden Blättern» der Minze. Die Blätter der Minze aus meinem Garten waren ziemlich spitz. Da stellte sich die Frage: Geht es um Minze oder geht es darum, mit der Zeichnung das abzubilden, was im Gedicht steht? Da habe ich mir die Freiheit genommen, meine Minze zu zeichnen, aber so, dass sie «der Sonne entgegen»-wächst, denn so steht es ja im Gedicht. Das ist etwas Wichtiges und das versuchte ich zeichnerisch umzusetzen.

ANDREAS: Verbunden mit der Ausstellung war auch eine Performance. Könnt ihr dazu noch mehr sagen?

ANNE: Ja, von Anfang an wussten wir, dass während der Ausstellung eine musikalische Aufführung in der Galerie stattfinden sollte. Rhythmus, Klang und Lautcharakter sind bei Gedichten etwas sehr Wichtiges. Darin zeigt sich ihre Nähe zur Musik. Und wenn es um Musik und Gedichte geht, denke ich sogleich an Fides David, die wie wir an der KME unterrichtet. Fides hatte bei anderer Gelegenheit mit ihren Studierenden des Fachs Musik Gedichte von mir rhythmisiert, vertont und zur Aufführung gebracht. Und so freute es mich sehr, dass Fides auf meine Anfrage hin bereit war, eine Performance ‚Gedichte und Klang‘ mit mir einzustudieren, und zu etwa zwanzig Gedichten eine Art Klangteppich aus Tönen und Rhythmuselementen improvisierend wob.

ANNE: Die von mir gelesenen Texte wurden begleitet oder auch unterbrochen von Klängen, Geräuschen und Rhythmen, die Fides mit bekannten und unbekannten Instrumenten erzeugte. Man muss wissen, dass das Publikum Fides nicht sah, während ich die Gedichte las, sondern sich in einem Klangraum befand.

MATTHIAS: Wir haben das auch probeweise durchgespielt. Ich war Zuhörer. Wir fanden es schade, dass angesichts der angespannten Ausstellungsbedingungen nur wenige Personen dieser Performance beiwohnen konnten. Es gelang uns dann, meinen Bruder Luc Schaedler und seine Partnerin Anka Schmid zu gewinnen, die beide Filmerin/Filmer sind. Sie haben die Performance filmisch festgehalten und so einem grösseren Publikum zugänglich gemacht, als dies sonst möglich gewesen wäre.

 

Gedichte: Anne Broger
Bilder: Matthias Schaedler

Interview: Andreas Villiger