Corona-Decamerone

Als 1348 Florenz von der Pest heimgesucht wurde, trafen sich sieben Frauen und drei Männer in einem Landhaus und erzählten einander insgesamt 100 Geschichten. Das ist die Rahmenhandlung von «Il Decamerone», dem Meisterwerk von Giovanni Boccaccio.
Ganz ähnlich erging es einigen Lehrpersonen während des Lockdowns. Sie begannen, sich Geschichten zu erzählen.

Ein Tag im Berufsleben des T.F. im April 2020

Von Thomas Fähndrich

Es ist acht Uhr, Unterrichtsbeginn, Zeit für die Fachbesprechung mit J.G. Nach kurzem Klingeln steht die Verbindung. Wir blicken in unsere Arbeitsräume. Ich bin überrascht. Ein Schlagzeug steht mitten im Raum und die technische Ausrüstung ist vom Feinsten, Kopfhörer und ein Studiomikrofon für die Internettelefonie. Meine fix eingebaute Kamera und das Mikrofon in meinem Notebook können nicht mithalten. Durch den Fernunterricht lernen wir unsere Studierenden anders kennen, wer hätte das gedacht.

Kurze Zeit später rufe ich D.Z. an. Wieder bewegen sich die unterdessen sehr vertrauten Kreise rund um die Initialen der Person, die man anruft, während die Verbindung aufgebaut wird. Das Bild wird sichtbar, mir blickt ein etwa vierjähriges Mädchen entgegen, sie lacht, winkt mir zu und fragt, wer ich sei. Gleich darauf erscheint D.Z. auf dem Bildschirm. Sie entschuldigt sich. Wozu eine Entschuldigung? Fernunterricht führt zu Nähe, wer hätte das gedacht.

Um 10:40 Uhr sind die Besprechungen zu Ende. Mit Studierenden aus zwei Klassen habe ich Einzelgespräche geführt, Texte und Beurteilungen besprochen.
Nun folgen drei Zwischenstunden. Um 13:40 Uhr wird die Lektion zur Romantik mit einer Klassenkonferenz über Teams beginnen.
In der Vergangenheit setzte ich immer wieder kurze Lehrfilme ein, die ich im Netz gefunden hatte. Toll, was mir unbekannte Kolleginnen und Kollegen einfach so zur Verfügung stellen.

So etwas könnte ich auch machen, eine Einführung in die Epoche Romantik. Die Idee reift schnell. Zuerst eine kurze Einleitung in meinem Arbeitszimmer, dann ein Blick nach draussen in Richtung Papierfabrik, um den Faden zur Industrialisierung und der verlorenen Ganzheitlichkeit aufzugreifen, anschliessend ein Blick in die unverbaute Landschaft hinter unserem Haus, um die Ganzheitlichkeit zu zeigen und dann ein Epochenbild, wieder aus meinem Arbeitszimmer.

«Fernunterricht führt zu ungeahnten Ufern, wer hätte das gedacht.»

Vor einigen Monaten hatte ich ein Gimbal gekauft, ohne dabei viel zu denken. Es lag noch originalverpackt im Regal. Ich klicke mein Handy in die Halterung, baue die Bluetooth-Verbindung auf. Das gelingt mir im dritten Anlauf. Ich aktiviere die Kamera, beginne zu sprechen und merke nach fünf Worten, dass ich anders beginnen sollte. Also nochmals. Ich bin voll auf der Spur. Das Telefon klingelt. Eine Nachbarin fragt, ob ich ihr bei meinem nächsten Einkauf etwas mitbringen könne, da sie sich nicht unter die Menschen gesellen sollte.

Also nochmals. Nach gut einer Stunde habe ich die vier Sequenzen aufgenommen. Über das Gestottere sehe ich unterdessen hinweg.
Nun muss ich die vier Sequenzen nur noch zu einem Film zusammenfügen. Ich merke bald, dass die Chemie zwischen Android und Apple überhaupt nicht stimmt. Meine Filme sind nicht sichtbar, wenn ich den Speicher meines Handys vom Computer aus absuche.

Aber ich brauche die Verbindung über das Kabel, wenn ich die vier Sequenzen zusammenfügen will. Schliesslich bleibt mir nichts anderes übrig, als die Sim-Karte des Handys auszubauen und sie direkt zu lesen. Das gelingt und ich kann die vier Filme zusammenfügen. Voilà, du hast deinen ersten Lehrfilm gedreht. Das Hochladen habe ich im Griff. Um 13:15 Uhr ist der Film verfügbar.
Fernunterricht führt zu ungeahnten Ufern, wer hätte das gedacht.

Um 16:25 Uhr beginnt die letzte Lektion. Ich bespreche mit einer Klasse aus dem vierten Semester die mündliche Geschichtsprüfung, die nächste Woche stattfinden soll.
Ich habe ein Problem bei der Planung. Eine Lektion, die ich für die Prüfung benötigen würde, findet am Gründonnerstag nach Unterrichtsschluss statt. Mist, was soll ich tun?
Kein Problem, sagen meine Studierenden, wir sind ja eh zu Hause und können nicht raus.
Fernunterricht führt zu verblüffend einfachen Lösungen, wer hätte das gedacht.

Ein Tag im Leben des A. S. – Frühling 2020

Von Adrian Schläpfer

Montag, 16. März
08:00 – der erste Arbeitstag des Lockdown (was für ein grässlicher Anglizismus, da lob ich mir das schöne Wort CORONA!) Was nun, was tun? Mein verschlafener Blick fällt auf die drei bis vier schönen Beigen von losen A4-Blättern, die seit vergangenem Freitag auf mich warten. Geschickt zupfe ich einzelne Exemplare aus den Türmchen heraus, ohne das Ganze zu gefährden. Vor mir liegen die Terminpläne meiner sieben Klassen, mit allen Prüfungsdaten und geplanten Referaten.
Fragend schauen mich die Blätter an: «Wie ernst ist es dir mit uns?»

Ich lasse sie vorerst mit ihrer Frage allein und inspiziere mein Büro: Eindeutig zu viele Bücher, vor allem in der Abteilung der pädagogischen Literatur. Und dann dieses Q2e-Zeugs, das ich seit Jahren nicht mehr angefasst habe… daneben drei prall gefüllte Ordner mit der Anschrift «Kontaktkommission». Ein kurzer Blick in die Protokolle, da ist die Rede von der Einführung eines Feedbacks durch Studierende, einer Note für die «Mitarbeit im Unterricht», ellenlangen Diskussionen über die Verlängerung der 10-Uhr Pause auf 20 Minuten, mit verschiedenen zeitlichen Modellen angereichert; der Entscheid fällt mir nicht schwer.

Weitere Ordner erleiden dasselbe Schicksal, eine Retraite im Winter 2003 zur Gestaltung eines Lehrplans für die Passerelle überlebt meine Säuberungsaktion ebenfalls nicht. Bei den aufwändigen Skripts über Projektwochen in Riga, Bukarest und Split zögere ich kurz, aber nur kurz. Es sind wohl doch mehr als 300 km … zudem leben wir jetzt im digitalen Zeitalter.

«So, Herr Schläpfer, das waren jetzt aber deutlich mehr als 200 Kilogramm, das macht, Moment mal, etwas mehr als 100 Franken.» Entspannt lächelnd schiebe ich dem Cerberus der Kehrichtverbrennungsanlage Hagenholz meinen Entsorgungscoupon durch den schmalen Schlitz, schon hebt sich die rotweisse Schranke und ich fahre, in mehrfachem Sinne erleichtert, zurück nach Hause.

«Mein Büro empfängt mich, als ob es die österliche Fastenkur vorgezogen hätte. »

Bücher, Ordner – auch mit Unterrichtsunterlagen (!) –, drei Drucker, zwei Scanner und als wertvollste Reliquie das damals sündhaft teure Mac-Book, das wir vor zwanzig Jahren von Buschor geschenkt bekommen haben und für das ich sogar das Kabel aufbewahrt habe, mit dem man über die Telefonleitung aufs Internet kommen konnte.
Mein Büro empfängt mich, als ob es die österliche Fastenkur vorgezogen hätte. Frohen Mutes schalte ich den Computer an und starte mit einer Flut von Mails an meine Klassen, mit dem Hochladen von Dokumenten auf Moodle, mit dem… und so weiter und so fort.

Doch, macht das wirklich Sinn? Die Videokonferenzen mit den PH-Klassen haben etwas Surreales. Meine Frage, ein langes Rauschen, hallo, hören Sie mich? Jemand (wem gehört diese Stimme?) meldet sich, sagt irgendetwas, immerhin, ich kann es hören.
Nach 30 Minuten bin ich völlig erschöpft. Ich brauche eine Pause. Auf dem Büchergestell weiss ich nun (wieder) sehr genau, wo welches Buch steht. Zwei verwitterte Bände, in Leder gebunden, strahlen mich an. Die habe ich 2004 vor der Umzugsaktion ins Seefeld gerettet, die standen zuvor lange verschämt im Geschichtszimmer auf dem Schanzenberg.

Der Decamerone von Giovanni Boccaccio, aus dem 14. Jahrhundert! Damals herrschte in ganz Europa eine Pestepidemie, auch Florenz war stark betroffen. Boccaccio schildert, wie zehn junge Erwachsene, drei Männer und sieben Frauen, die Stadt verlassen und sich in einer Villa in Fiesole (das damals noch ausserhalb der Stadt lag) versammeln, um sich jeden Nachmittag Geschichten zu erzählen. Zehn Tage lang je zehn Novellen!
Schaffen wir das auch? Bis jetzt immerhin eine Geschichte pro Tag…

An einem Abend im Leben der A. B. – im Frühling 2020

Von Anne Broger

Soeben komme ich von einer Ton-Session, ich übernehme den Adriansfaden, rolle das Knäuel weiter auf. Der Weg geht ins Labyrinthinnere, noch ist an Rückkehr und Ausgang nicht zu denken, noch ist Minotauros nicht besiegt.
mp4-Datei mit den Lateinvokabeln von L. 14. Weil ich nicht weiss, wie man OneNote in Teams einbindet, benutze ich für die Aufnahme ‚GarageBand‘. Ich habe die Wahl zwischen ‚Keyboard‘, ‚Electric Guitar‘ und ‚Voice‘; ich wähle ‚Voice‘. Nein, ich singe die Wörter nicht, kommt aber vielleicht noch.

Dann lese und kommentiere ich den Text von Lektion 14 über Hannibals Siege und Niederlagen, und weil ich nun im Flow bin, vertone ich meine PPP über die Aeneis.
Morgen um 8.00 Uhr Termin am Schreibtisch zur Videokonferenz mit der unteren Lateinklasse. Kameras einschalten, bitte. Hannibal überschreitet gerade mit Kampfelefanten die Alpen. Ich will euch dennoch sehen.
Danach aber muss auch ich schleunigst los über die Alpen nach Fiesole –. Tag drei: Wer erzählt die erste Geschichte des dritten Tages?

Ein Ausschnitt aus dem neuen Schulalltag in einem Weinländer Dorf

Von Evelyne Patti

Videokonferenz mit einer Gruppe um 8:00 Uhr. Der Arbeitsweg dauert nun nur noch 5 Sekunden statt 50 Minuten; Fahrleitungsstörungen und vollgepferchte Trams gehören in eine ferne Welt. Pünktlich rufe ich die Gruppe an: «Es befindet sich nur eine Person im Anruf.» Aha. Ob die Studierenden wohl noch schlafen? Ich lasse den Blick einstweilen über die zum Frühling erwachende Gegend schweifen.

Nach einer Weile taucht das Gesicht einer noch schlaftrunkenen Madame V. auf, kurz darauf folgt Madame W., deren nasse Haare ebenfalls von einer knapp berechneten «Wegstrecke» zeugen.

Madame X. und Monsieur Y. erscheinen ihrerseits etwas zerknittert am Bildschirm. Wo bleibt Monsieur Z.? Fordern wir doch seine Teilnahme an – «ist nicht verfügbar». Schade.

Die Literaturlektion kommt dennoch rasch in Gang; die eben noch allgegenwärtige Müdigkeit scheint schnell verflogen zu sein. Mitten in der angeregten Diskussion ertönt plötzlich etwas dumpf die Stimme von Monsieur Z.: «Désolé, j’ai, äh – comment dit-on verschlafen?» Nun erscheint auch sein Bild: Er hat den Schulweg gleich vollständig eingespart.

 

Texte: Thomas Fähndrich, Adrian Schläpfer, Anne Broger & Evelyne Patti
Bilder: Sina Meier & Lisa Marie Raquet, gestaltet im BG-Unterricht von Ute Lünsmann