Theater

«Gross und klein» – ein Stück mit Distanz

Von Moritz Wissmann, G5e

Unsere sozialen Kontakte stehen unter Druck. Sie müssen gegen Anonymität, Perfektionismus und die Globalisierung ankommen. Klaus Nürnberg inszenierte Botho Strauss’ «Gross und klein» mit sechs Studierenden der KME. Ein kurzweiliges Stück, getaktet wie ein Action-Film.
Wahnsinn! Textfragmente werden hin- und hergeworfen.

Eine Logik zu erkennen, wird für den Zuschauer zur Herausforderung. Diese Herausforderung kommt nicht nur vom Inhalt der Fragmente, nein, die Aussprache einzelner Darsteller stellt sich ebenfalls nicht auf die Seite des Zuschauers. Nur Wahnsinn. Wahnsinn scheint ein wichtiges Thema zu sein, sprechen die Darsteller ebendieses Wort doch auffällig häufig aus.

«Diese Première sollte zugleich die letzte Aufführung sein.»

Am Eingang in die Aula stehen Handdesinfektionsmittel zur Verfügung. Die fortschreitende Covid-19-Ausbreitung zeigt sich auch in der Bestuhlung. Tische mit jeweils vier Stühlen sorgen für genügend Distanz der Zuschauenden untereinander. In gewisser Weise nimmt die Inszenierung das Thema auf.

Packende Lotte

Paul, packend gespielt von Benjamin Voser, ist am Bett seiner Frau. Sie sei schon weit herumgekommen, erfahren wir, und mit Winti (gelungener Bezug zur Region!) nicht zufrieden. Pathetisch wirft sie Paul Dinge vor, die ein treuer Ehemann nicht tun sollte. Eifersucht kann einen ganz furios machen. Auch wenn diese Eifersucht von Ursula Krieter voller Hingabe verkörpert wurde, überschlug sich ihre Stimme etwas häufig. Ihre Stimme verzog sich bisweilen ins Gekreische, so dass der Zuschauer kein Mitgefühl für ihre Situation aufbringen konnte. Dann tritt Lotte auf.

Durch das offene Fenster beginnt sie einen Dialog mit Paul, dessen Ehefrau nun noch eifersüchtiger wird. Der Dialog entwickelt sich weiter, Lotte scheint näher zu kommen, zumindest sprachlich. Jennifer Kurath, welche in dieser Szene Lotte verkörpert, legt die Latte hoch. Nicht nur ihre klare Artikulation und der Redefluss tragen dazu bei, Lotte ernst zu nehmen, sondern auch Jennifers Ausdrucksweise. Die weiteren Szenen folgen Schlag auf Schlag, wobei der Inhalt nicht immer ganz klar wird. Die Pause, welche einen Drittel des ganzen Abends ausmacht, kommt da fast schon rettend.

«Die Inszenierung kommt dem Kernthema, menschliche Distanz und Nähe, denn auch ganz klar näher.»

Zweiter Teil mit Tuchfühlung

Mit desinfizierten Händen nimmt das Publikum Platz für die zweite Hälfte. Wurde im ersten Teil viel Wert auf darstellende Requisiten gelegt, kommt der zweite Teil rustikaler daher. Das lässt dem Zuschauer Platz für seine eigenen Vorstellungen, ein Gewinn für das Stück! So ist der zweite Teil auch klarer und packender als der erste. Die Inszenierung kommt dem Kernthema, menschliche Distanz und Nähe, denn auch ganz klar näher.
Für einen spannenden Twist sorgt Severine Hollenweger, welche Lotte als Schreibkraft im Duett mit Alf, ihrem Vorgesetzten, verkörpert.

Severine erweitert die Figur der Lotte mit neuen Charakterzügen und eröffnet so eine weitere Gefühlswelt sehr passend. Michael Baumann als Lottes Vorgesetzter Alf brilliert in einem unglaublich starken Auftritt.
Zum Schluss wird Lotte vom Arzt (authentisch wiedergegeben von Luis Moser) aus dem Wartezimmer geworfen. Mit dieser letzten Handlung entlässt uns Klaus Nürnberg in den Abend.
Diese Première sollte zugleich die letzte Aufführung sein. Tags darauf gilt «social-distancing», die Schule wird geschlossen. Wahnsinn.

Folgende KME-Studierenden wirkten bei der Aufführung mit:
Lotte: Ursula Krieter, Jennifer Kurath, Severine Hollenweger
Paul: Benny Voser
Inge: Jennifer Kurath
Alf: Michael Baumann
Arzt: Luis Moser

Regie führte Klaus Nürnberg

 

Text: Moritz Wissmann, G5e
Bilder: Roberto Huber