Schwerpunktfachtage 28.–30. Januar 2020

Erhellende Einblicke

Von Anne Broger

Während drei intensiven und erlebnisreichen Tagen lernen die Studierenden neue Facetten ihres Schwerpunktfachs kennen und vertiefen sich in spannende Themen.

Chemie und Biologie (André Dinter/Silvan Gegenschatz/Joёlle Muhr/Stefan Aeppli)

Am Dienstag war eine Klasse an der ZHAW in Wädenswil und hat sich mit Fermentationen bei Joghurt, Käse, Brot und Schokolade beschäftigt sowie Bakterien gentechnisch verändert, wodurch sie grün-fluoreszierend leuchteten. Tags darauf hat sie sich dort mit ihrem ökologischen Fussabdruck auseinandergesetzt und eine kleine Outdoor-Schnitzeljagd unternommen. Abgeschlossen wurden die Schwerpunktfach-Tage am Donnerstag an der KME mit zwei interessanten Vorträgen von externen Fachpersonen über «Gesellschaftsgenetik» sowie über «genetische Forensik», in denen Fragen beantwortet wurden wie «Was bringt mir ein online-Gentest?» oder «Was geschieht mit einer DNA-Probe eines Straftäters in der Schweiz?».

Eine andere Klasse hat am Dienstag im LSLC (Life Science Learning Center) an der Uni Irchel einen Einblick erhalten, wie man heute mittels DNA-Spuren Verbrechen, anhand von PCR und Gel-Elektrophorese mit Tatort-DNA, aufklären kann. Zu diesem Thema hörte diese Klasse ebenfalls den spannenden Vortrag über «genetische Forensik» aus dem Institut für Rechtsmedizin der Uni Zürich.
Am Mittwochmorgen nahmen die Studierenden im Institut für Pflanzenbiologie an einem Workshop zum Thema «3D-Konfokalmikroskopie» teil.

Physik und Anwendungen der Mathematik (Marco Calisto/Michael Scherrer)

In den drei Schwerpunktfachtagen besuchte die Klasse das Technorama, das PSI (Paul Scherrer Institut) und die Universität Zürich. An allen drei Orten ging es darum, physikalische Experimente durchzuführen und Beobachtungen aufgrund unserer Theoriekenntnisse nachvollziehen oder sogar vorhersagen zu können. Wir erzählen von einem der zahlreichen Experimente am PSI:
Beispielsweise untersuchten wir die Schallgeschwindigkeit in verschiedenen Medien. Grundsätzlich kann sich Schall in jedem Medium ausbreiten, nicht nur in der Luft.

Zum Beispiel in einem Stück Stahl: Wer sich schon einmal einen Westernfilm angeschaut hat, konnte vielleicht beobachten, wie Indianer ihr Ohr auf die Eisenbahnschienen legten, um die Entfernung des herannahenden Zugs abzuschätzen. In Stahl breitet sich der Schall mit der Geschwindigkeit 5900 m⁄s (Meter pro Sekunde) wesentlich schneller aus als in Luft mit 330 m⁄s. Das liegt unter anderem daran, dass Stahl mit der Dichte 7850 kg/m3 (Kilogramm pro Kubikmeter) die grössere Dichte hat als Luft mit ca. 1 kg/m3.

«Nach vielen unzulänglichen Erklärungsversuchungen und mit ein wenig Hilfe von Andrina vom PSI fanden wir schliesslich eine gute Erklärung.»

Nun zum Experiment: Wir haben in einem Ast (also in Holz) die Schallgeschwindigkeit 5000 m⁄s und in Plexiglas 2670 m⁄s gemessen. Die Dichte von Holz ist mit rund 500 kg/m3 (je nach Holzart) aber nur etwa halb so gross wie die Dichte 1180 kg/m3 von Plexiglas. Wie ist die höhere Schallgeschwindigkeit im Holz trotz kleinerer Dichte zu erklären?
Nach vielen unzulänglichen Erklärungsversuchungen und mit ein wenig Hilfe von Andrina vom PSI fanden wir schliesslich eine gute Erklärung: Die Dichte von Holz ist nicht homogen, d.h. nicht an jeder Stelle im Holzinnern gleich gross. In den dunklen Baumringen ist sie deutlich grösser als an den hellen Stellen dazwischen. Und das erklärt die höhere Schallgeschwindigkeit: Was in einem abgesägten Ast als Baumring aus dunklem Holz zu erkennen ist, ist ein Querschnitt durch einen Hohlzylinder aus dunklem Holz.

Ebenso sind die hellen Ringe Querschnitte durch Hohlzylinder aus hellem Holz. Es breiten sich längs des Astes also zwei verschiedene Schallwellen aus: solche längs der dunklen Zylinder und andere längs der hellen Zylinder. Nun haben wir die Geschwindigkeit der Schallwellen gemessen, indem wir die Wellen an einem Ende des Astes ausgelöst, ihre Ankunft am anderen Ende registriert und die Zeitdifferenz zwischen den beiden Ereignissen gemessen haben. Die Wellen in den dunklen Zylindern müssen das Astende also früher erreicht haben als die in den hellen, und nur die Ankunft der allerersten Welle wird vom Sensor am Astende registriert.

(Text von Michael Scherrer)

Wirtschaft (Richard Frei/Davide Pezotta)

Die Schwerpunktfachklassen Wirtschaft und Recht sind in die Vergangenheit gereist, um zu verstehen, wie die Zukunft durch den Strukturwandel beeinflusst werden könnte. Während der Führung im Industrieensemble in Neuthal wurde die Entwicklung der Textilindustrie und besonders der Weberei in der Schweiz ab dem 18. Jahrhundert aufgezeigt. Dabei wurden die Veränderungen dieses für die Schweiz einst wichtigen Wirtschaftszweigs erläutert. Die Verbindung zur Gegenwart wurde durch einen Besuch bei Economiesuisse abgerundet, welche als Vertreterin von über 100’000 KMU aufzuzeigen versuchte, was der Strukturwandel für die Schweiz bedeuten könnte. Basierend auf diesen Inputs reflektierten die Studierenden in Gruppen den in Bezug zu ihrer eigenen Situation. Abschliessend wurden die Erkenntnisse präsentiert, diskutiert und zusammengefasst.

(Text von Richard Frei/Davide Pezotta)

«Wie gelangen Geräusche, Klänge und Töne vom Aussenohr ins Gehirn?»

Musik (Fides David)

Die Musik-Klasse vertonte live Filmsequenzen aus «Babes in the wood» von Walt Disney («The Bathtub Race» / «Simon’s cat: let me out») und besuchte die Sonderausstellung «Unterwegs im OHR» im Kulturama – Museum des Menschen. Dort begaben sich die Studierenden auf eine Reise entlang verschiedener Stationen vom Aussenohr durch den Gehörgang ins Innenohr, um das Organ von Innen kennenzulernen. Sie erhielten Antworten auf die Fragen «Wie gelangen Geräusche, Klänge und Töne vom Aussenohr ins Gehirn?», «Wie hören Wirbeltiere?», «Wie produziert das Ohr Töne?» und «Wie hat sich das Ohr im Laufe der Zeit entwickelt?».

Spanisch (Marianne Ernst)

In einem Flamenco-Workshop mit Katja Campanile (Tanz) und Adrian Schläpfer (Gitarre) im Quartierzentrum Hardau, Zürich, hatten die Studierenden Gelegenheit, den Künstlern Fragen zu stellen und selber zu tanzen. Zur Vorbereitung befasste sich die Klasse mit Gedichten aus dem «Romancero gitano» und dem «Poema del cante jondo» von Federico García Lorca, dem bekanntesten spanischen Dichter des 20. Jahrhunderts. Erste Eindrücke dieses Musikstils vermittelte der Film «Flamenco Flamenco» von Carlos Saura. Zum Abschluss fand ein Gespräch mit Juan Ramón Abarca aus Granada statt und ein «active viewing» des Films «Carmen» von Carlos Saura. Ein gemeinsames Essen mit spanischen und lateinamerikanischen Spezialitäten rundete den letzten Tag ab.

Italienisch (Nadia Lauria)

Woher kommt das Wort «migrazione»? Gibt es weitere vom selben Stamm abgeleitete Wörter im Italienischen? Nach diesem Einstieg erhielten die Studierenden eine kurze Einführung in die Geschichte der italienischen Migration der letzten 100 Jahre. Es wurden Gründe und Arten der vergangenen und heutigen Migration thematisiert und es wurde über Reaktionen des Gastlandes und Vorurteile der Gastleute diskutiert. Anhand von Ausschnitten aus Alexander J. Seilers Dokumentarfilm «Siamo italiani» (1964) erhielten die Studierenden Einblick in das schwierige Leben der italienischen «immigrati» der 60er-Jahre. Einige Kommentare vonseiten der damaligen Schweizer klangen für die Studierenden doch sehr befremdlich.

Die Studierenden, die vermehrt selbst einen Migrationshintergrund haben, diskutierten angeregt, und es fand ein spannender Austausch von Erlebnissen statt, die einem «Secondo» oder einer «Seconda» im Gastland/Zielland widerfahren können.
Mittags kochte die Klasse Ravioli, die mit Butter und frischem Salbei aus dem Garten angereichert wurden. Dazu gab es eine «insalata Caprese» mit Original-Mozzarella di Bufala. Ein Tiramisù rundete das Essen ab.
Am Nachmittag wurde das neue Vokabular zum Thema Migration geübt. Danach schaute die Klasse den Film «Itaker. Vietato agli italiani» (2012). Die Studierenden schätzten es, dass der Film nach einigen Sequenzen jeweils gestoppt wurde und sie Erläuterungen erhielten und über das Gesehene diskutieren konnten.

«Volevamo braccia, sono arrivati uomini.»

Am Mittwochmorgen besuchte die Italienischklasse gemeinsam mit der Lateinklasse die Ausstellung «Homo migrans» im Bernischen Historischen Museum. Die Führung durch die vielseitige Ausstellung fand auf Italienisch statt. Für die Studierenden war es bereichernd, einzelnen Themen wiederzubegegnen, die am Tag zuvor behandelt worden waren, unter anderem Max Frischs berühmtem Satz über Einwanderer in der Schweiz: «Volevamo braccia, sono arrivati uomini.» – «Wir wollten Arbeitskräfte, aber es kamen Menschen.»

Am letzten Tag beschäftigte sich die Klasse anhand eines Dokumentarberichts mit dem Thema der Integration von Flüchtlingen im Dorf Riace in Kalabrien, die der Bürgermeister von Riace als Gast in Talkshows beim italienischen Fernsehsender «Rai» und «Mediaset» schöngeredet und als Erfolgsgeschichte präsentiert hatte. Die Lektüre und Analyse von Erri de Lucas Gedicht oder eher Gebet «Mare nostro che non sei nei cieli» und die Diskussion über das aktuellste Thema der Migration «la fuga dei cervelli» bildeten den Schluss.

Latein (Anne Broger)

Frauen schlichten den Krieg zwischen ihren Männern und Vätern, indem sie ihre Kinder instrumentalisieren. – Sänger will ohne seine Geliebte nicht mehr leben und nimmt ein trauriges Ende. – Mann geht ins Theater, um Frau kennenzulernen, denn die Frauen gehen nicht nur dorthin, um zuzusehen, sondern auch um gesehen zu werden. – Schöner, selbstverliebter junger Mann wird in eine Blume verwandelt und Namensgeber einer psychischen Störung. – Bildhauer verliebt sich in die Statue, die er selbst geschaffen hat: Happy End.
Mit diesen Themen aus Ovids Werken beschäftigte sich die Lateinklasse in selbständiger Übersetzungs- und Lektüregruppenarbeit. Dazu gehörte eine stilstisch-rhetorische Analyse der ebenso kunstvollen wie unterhaltsamen Dichtung. Zum Abschluss der Schwerpunktfachtage stellten die Studierenden ihre Texte der ganzen Klasse vor.

Am Mittwochmorgen fuhr die Lateinklasse zusammen mit der Italienischklasse nach Bern, um im Bernischen Historischen Museum die Ausstellung «Homo migrans» zu besuchen. Thema der Italienischklasse während der Schwerpunktfachtage war «migrazione». Dies passte gut zum Maturlektürethema «Leben im Exil» der Lateinklasse.

Es war ein eindrücklicher Crashkurs in Migrationsgeschichte: Die Menschen wandern seit zwei Millionen Jahren teils freiwillig, teils von klimatischen Veränderungen, Überbevölkerung, Vertreibung und Krieg gezwungen oder wie Seneca es in der anlässlich seiner Verbannung nach Korsika geschriebenen Trostschrift an seine Mutter ausdrückt:

«Assiduus generis humani discursus est. Cottidie aliquid in tam magno orbe mutatur.» – «Unaufhörlich ist das Umherziehen der menschlichen Gattung. Täglich verändert sich etwas im so grossen Erdkreis.»

Texte & Bilder: André Dinter, Silvan Gegenschatz, Joёlle Muhr, Stefan Aeppli, Michael Scherrer, Davide Pezzotta, Richi Frei, Fides David, Marianne Ernst, Nadia Lauria, Anne Broger