Bericht über die Projektwoche der Klasse G5b in Neuchâtel (14. – 18. 9. 2020)

Zwischen Jurahöhen und Murtensee

Von Adrian Schläpfer

Mit zitternden Knien und leicht geröteten Wangen verfolgt die Klasse auf mehr als 1’300 m. ü. M. die Ausführungen von Ahron Hausmann über die Absinth-Produktion in der Region des Creux du Van. Der vorherige Aufstieg von Noiraigue aus steckt den meisten noch in den Knochen, daran konnte auch die lange Mittagspause nicht viel ändern. Zum Glück hält sich Herr Hausmann kurz, sodass der Abstieg zum Bahnhof von Noiraigue zügig in Angriff genommen werden kann.

Gut so, denn bei einem längeren Referat hätten wir wohl alle den Zug zurück in die Kantonshauptstadt verpasst; auch so mussten die begleitenden Lehrpersonen die letzten hundert Meter im Galopp zurücklegen. Aus sportlicher Sicht war der Mittwoch sicherlich der Höhepunkt dieser intensiven Woche.

Begonnen hatte die Projektwoche mit einer Schnitzeljagd in Neuchâtel zum Thema «belle époque».

«Belle époque»

Auf spielerische Art wurden der Klasse interessante Winkel der Altstadt nähergebracht, der Sehsinn wurde geschärft und durch die dreisprachigen Texte zur genannten Epoche konnte auch die Mehrsprachigkeit praxisnah geübt werden. Auf ebenso spielerische Art wurden die begleitenden Lehrpersonen aus den Fächern Französisch und Geschichte in die Gruppen integriert, welche die Schnitzeljagd getrennt voneinander zu absolvieren hatten.
Am Abend verteilte sich die Klasse in ihre diversen Bed&Breakfast «locations» (so müsste man das in Neuchâtel wohl bezeichnen), sodass sich Karine Jézo und Adrian Schläpfer in der Brasserie Cardinal an den hiesigen Weissweinen erfreuen konnten.

Der Dienstag stand ganz im Zeichen des untergehenden Burgunderreiches. Um den Vormittag nicht unnötig in die Länge zu ziehen, hatte sich die Klasse zuvor ganz kurzfristig dazu entschieden, die Abfahrt eine Stunde nach hinten zu verschieben, die Lehrpersonen wurden immerhin per SMS während ihrer Degustation in der Brasserie Cardinal darüber informiert. Nach einer kurzen Zugreise folgte ein engagierter Fussmarsch zum Standort «Bodemünzi» oberhalb Murtens, von wo aus Karl der Kühne Befehle zur Belagerung der Stadt gegeben haben soll. Nicht sehr nachhaltig, wie wir heute wissen.

Die Schlacht bei Murten

Lorenz Schwarz referierte äusserst kundig über die Schlacht und über die gewaltigen Reichtümer, welche den Eidgenossen bei der vorherigen Schlacht von Grandson unerwarteterweise in die Hände gefallen waren. Darunter der berühmte Hut Karls des Kühnen, der uns am Donnerstag im Schloss Grandson wieder begegnen sollte. Da sowohl die Infotafel wie auch die vom Geschichtslehrer versandte vorbereitende Lektüre (Auszüge aus dem wunderbaren Buch von Bart van Loo «Burgund – das verschwundene Reich. Eine Geschichte von 1111 Jahren und einem Tag») ausser Acht gelassen wurden, blieb genügend Zeit, um sich in Murten ein paar Minuten dem Phänomen der Zweisprachigkeit zu widmen.

Der Ort eignet sich wahrlich dafür, entsprechend ertragreich fiel die Beute der linguistischen Studien aus. Das wohlverdiente Mittagessen wurde bei bestem Wetter am Murtensee eingenommen.
Coronabedingt erfolgte der nachmittägliche Besuch des sehr schön gemachten Römermuseums von Avenches nur in kleinen Gruppen, das führte dazu, dass sich die letzte Gruppe (wieder waren die beiden Lehrpersonen darunter) nicht so viel Zeit nehmen konnte und ein weiterer Spurt aus dem Museum hin zum Bahnhof nötig war. Man kann das natürlich auch als Vorbereitung für die Wanderung auf den Creu du Van bezeichnen.

Damit die Schlacht von Murten, bei der Karl der Kühne auf seinem schönen schwarzen Hengst El Moro das Weite gesucht hatte, nicht isoliert im Raume stehen blieb, machte sich die Klasse, von der anstrengenden Wanderung gut erholt, am Donnerstag auf den Weg nach Grandson. Ein älterer freundlicher Herr führte durch das dortige Schloss, der Geschichte kundig und beider Landessprachen mächtig. Nur in einem Punkt war der spätmittelalterlich eingekleidete Schlossführer nicht auf dem neuesten Stand der Forschung. Zu gut hatte der Geschichtslehrer die Zeilen von Bart van Loo noch in Erinnerung, sie seien hier kurz zitiert: «Der burgundische Schatz ist zu einem grossen Teil verloren gegangen.»

Die Schweizer Kuhhirten und Bürger ahnten kaum, welch aussergewöhnliche Kostbarkeiten ihnen in die Hände gefallen waren, und ihre Befehlshaber stritten sich um ihre Beute. Das meiste wurde an den Erstbesten verschachert. So beglich die Stadt Basel ihre Schulden durch den Verkauf von Karls Hut; danach verschwand eine der berühmtesten Kopfbedeckungen des Spätmittelalters im Rauschen der Zeit» (van Loo, S. 494). In der Version des Reiseführers fand man den Hut in einem Basler Trödelladen und brachte ihn von dort aus ins Museum in Grandson. Aber vielleicht tauchen auch diese «fake news» bald ins Rauschen der Zeit ab.

«Nur gut, dass der letzte Tag kein überladenes Programm bereithielt.»

Yverdon

Egal, mit oder ohne originale Kopfbedeckung, nach dieser intensiven Führung reiste man zur Mittagspause nach Yverdon und das für den Tag verantwortliche Komitee der Klasse bot für den Nachmittag ein freiwilliges Programm zur Auswahl an. Die zwei Lehrpersonen mieteten sich Velos und erkundeten anschliessend das sehenswerte Naturschutzgebiet an den Gestaden des Neuenburgersees. Die meisten Studierenden werden den Nachmittag wohl im See verbracht haben.

Da die Klasse auch am letzten Abend der Projektwoche lieber unter sich bleiben wollte, trösteten sich Karine und Adrian mit einem Treffen mit Thomas Berset und Tobias Sauter, die zufälligerweise zur selben Zeit auf einer Kulturreise in Neuchâtel unterwegs waren. Die Degustation des biologisch produzierten Œil de Perdrix wärmte die Seelen und befeuerte die Diskussionen über die Schule und die Welt.


Nur gut, dass der letzte Tag kein überladenes Programm bereithielt: Eine Führung durch das Schloss in Neuchâtel mit ein paar begleitenden Worten von Ladina Neubert bildete den Abschluss einer zwar anstrengenden, aber doch  schönen spätsommerlichen Woche.

Text: Adrian Schläpfer
Bilder: Klasse G5b