«The Brits in the Bernese Alps» – Projektwoche der G5a in Grindelwald

Projektwoche im Berner Oberland

Von der Klasse G5, Roman Darms und Anita Diener

Die interdisziplinäre Projektwoche der Klasse G5a in Grindelwald (BE) stellte die Perzeption der Alpen ins Zentrum. Zum einen setzten wir uns mit der Fremdwahrnehmung der Berner Alpen, wie sie sich in der britischen Literatur des 19. Jahrhunderts zeigt, auseinander. Wir wollten wissen, inwiefern die idealisierte Darstellung der Schweizer Alpenlandschaft zur Ankurbelung des inneralpinen Tourismus beigetragen hat.

Zum andern befassten wir uns mit den aktuellen Entwicklungen – auch den Kehrseiten – des Alpentourismus im Bergdorf, das sich selbst das Label «Eigerness» verliehen hat. Grindelwald mit seiner imposanten Bergkulisse und deren geomorphologischen Dynamik bot uns Städter/innen eine wunderbare Umgebung, um die alpine Landschaft im Rahmen unserer Projektwoche literarisch und geografisch zu untersuchen.

Tag 1

Nach intensiven Vorbereitungen konnten wir am 16. September in unsere Projektwoche in den Berner Alpen starten. Bereits im Laufe der Zugfahrt von Zürich nach Grindelwald lieferten die teilweise stark überfüllten Zugabteile einen ersten Beweis, dass die Schweizer Bergwelt auch im 21. Jahrhundert nichts von ihrer touristischen Anziehungskraft verloren hat.

In Anbetracht der beachtlichen Menschenansammlung sowie der auf Swissness getrimmten Reizüberflutung rund um den Bahnhof Grindelwald erwies es sich als glückliche Fügung, dass wir uns im Vorfeld unserer Reise für eine Unterkunft fernab vom touristischen Trubel im beschaulichen Weiler Oberäll entschieden hatten.

«In engen Korsetts und schweren viktorianischen Kleidungsstücken entdeckte Miss Jemima Grindelwald mit seinen zwei prägnanten Gletschern.»

Nachdem wir unser hübsches Chalet «Teufi» bezogen hatten, bekamen wir sogleich einen literarischen Eindruck unserer Destination im Berner Oberland. Mittels eines Auszugs aus dem Reisetagebuch «Swiss Journal: The First Conducted Tour of Switzerland» (1863) der Engländerin Jemima Morrell wurden wir in die 60er-Jahre des 19. Jahrhunderts zurückversetzt. Zu dieser Zeit nahm die damals 31 Jahre alte Frau aus Yorkshire mit drei ihrer Freundinnen an der ersten geführten Alpentour von Tourismus-Pionier Thomas Cook teil.

In engen Korsetts und schweren viktorianischen Kleidungsstücken entdeckte Miss Jemima Grindelwald mit seinen zwei prägnanten Gletschern. Die altertümliche Schweiz aus einer solch touristischen und auch durchaus fremden Perspektive beschrieben zu sehen, war für uns interessant und überraschend zugleich. Um Miss Jemimas historische Beschreibung des Ortes Grindelwald mit den heutigen Gegebenheiten zu vergleichen, begaben wir uns anschliessend auf eine Erkundungstour des touristischen Hotspots im Herzen der Schweizer Alpen.

In zwei Gruppen aufgeteilt war es unsere Aufgabe, zwei in Miss Jemimas Reisebericht erwähnte Hotels im teils modernen Dorfkern wiederzufinden. Dies stellte sich als gar nicht so einfach heraus, da viele der alten Gebäude heute nicht mehr erhalten sind. So gingen die meisten ursprünglichen Hotels Konkurs, wurden abgerissen und neu gebaut oder komplett umfunktioniert. Ebenso das Hotel «Bär», an dessen Stelle heute ein imposantes Sportzentrum zu finden ist. Weniger imposant erschien uns hingegen der Nachfolger des Hotel «Adler».

Der etwas trist wirkende Betonbau des dort stehenden Hotels «Sunstar» liess uns eher wehmütig auf die kolorierte Radierung des ehemaligen «Adler» im Schweizer Baustil des 19. Jahrhunderts zurückblicken. Mit einer kühlen Erfrischung in der «Avocado Bar» stiessen wir auf der sonnigen Terrasse zum Abschluss des Tages auf einen vielversprechenden Start der Projektwoche an.

Tag 2

Am Dienstagmorgen wurden wir von klarem Himmel und warmem Wetter im Chalet «Teufi» begrüsst. Der Tag war perfekt für unser Vorhaben. Somit machten wir uns nach einem stärkenden Frühstück auf den Weg zu den First-Bahnen. Oben angekommen waren wir überwältigt von der atemberaubenden Aussicht ins Tal.
Nach einem Fotoshooting auf dem First Cliff Walk starteten wir unsere Tour, welche uns an drei Bergseen und dem Schwarzhorn vorbei zur Grossen Scheidegg führen sollte.

Der Beginn der Wanderung bis zum Bachalpsee mit Aussicht auf Grindelwald und das Berner Dreigestirn Eiger, Mönch und Jungfrau war vergleichsweise entspannt. Je höher wir stiegen, desto schmaler wurden die Wanderwege, welche auf die andere Seite der Bergkette führten.
Ab dem zweiten Bergsee, dem Hageliseeli, begann der kontinuierliche Aufstieg bis an den höchsten Punkt unserer Wanderung auf 2’708 Meter über Meer. Hier änderte sich das Landschaftsbild von grünen Weiden zu einer felsigen Bergwelt.

Wir waren umgeben von einer rauen Felswand und einem Abgrund in Richtung Brienzersee. Unser Plan war es, etwa in der Hälfte des Aufstiegs zu rasten, um unser mitgebrachtes Mittagessen zu geniessen. Somit machten wir bei dem dritten und letzten Bergsee namens Häxeseeli Rast, um unseren Lunch zu verzehren.
Ganz weit in der Ferne sahen wir schon den Punkt, welcher den Gipfel unserer Wanderung markierte. Unermüdlich liefen wir durch die karge Felslandschaft bis wir direkt unter dem Gipfel des Schwarzhorns ankamen.

«Jeder Moment unseres Abstiegs war gekrönt durch einen freien Blick auf das wunderschöne Bergpanorama des Berner Oberlands.»

Nun begann der anstrengendere Teil unserer Odyssee. Der Abstieg hatte es in sich, denn er begann mit einer rutschigen und teils unkoordinierten «Abfahrt» durch ein sommerliches Schneefeld. Jeder Moment unseres Abstiegs war gekrönt durch einen freien Blick auf das wunderschöne Bergpanorama des Berner Oberlands. Jedoch musste unser Blick stets auf den Boden gerichtet sein. Wenn man aufblickte, sah man einen trichterförmigen Ausläufer ins Tal. Man konnte sich nur zu gut vorstellen, welch gewaltige Lawinen im Winter genau an der Stelle herunterdonnern, an der wir uns gerade befanden.

Der Abstieg zog sich hin. Ausnahmslos forderte der Weg seinen Tribut in Form von Schmerzen in unseren Füssen und Kniegelenken. Schliesslich näherten wir uns der Grossen Scheidegg, unserer Destination, von wo wir uns von einem Linienbus bequem zurück ins Tal chauffieren liessen. Vollkommen ermüdet gratulierten wir uns zu unserem Erfolg. Die meisten von uns fanden, im Chalet «Teufi» angekommen, schnell den Weg unter die Dusche und danach für ein kurzes Nickerchen ins Bett.

Tag 3

Im hellen Sonnenschein haben wir am Mittwoch versucht, uns in diverse Künstler des 18. und 19. Jahrhunderts einzufühlen. Vor allem haben wir den Schweizer Maler Caspar Wolf (1735-1783) näher kennengelernt. Dem berühmten Vertreter der Vorromantik kommt zweifelsohne eine Pionierrolle zu, wenn es um Alpenmalerei innerhalb der Schweizer Landesgrenzen geht. Ein berühmtes Bild von ihm ist «Die Schwarze Lütschine aus dem Unteren Grindelwaldgletscher entspringend», welches er 1777 malte.
Nach ein paar Informationen zum Thema Alpenmalerei wollten wir das selber ausprobieren. Mit Kohlestift und Papier ausgestattet, sollte jede/r von uns versuchen, von einem beliebigen Platz rund

um unser Chalet einen passenden Ausschnitt der atemberaubenden Alpenlandschaft zu skizzieren. So wurde eine breitgefächerte Individualität gewährleistet. Die Kohle kann beim Malen auf verschiedene Arten angewendet werden. Zum einen ist es möglich, durch feine Striche eine Struktur zu erschaffen, zum anderen lassen sich durch das Verwischen Dimensionen abbilden. Eine Studierende, die bereits über eine gewisse Erfahrung mit Kohlezeichnungen verfügte und Neues ausprobieren wollte, setzte ihre Kohlezeichnung in digitaler Form mittels Tablet um. Auch in analoger Ausführung entstanden zahlreiche Kunstwerke, die sich durchaus sehen lassen können.

Der Nachmittag stand ganz im Zeichen des sogenannten «V-Projektes». Im Rahmen einer kurzen Präsentation durften wir erfahren, wie die Jungfraubahnen mittels dieses Infrastrukturprojektes beabsichtigen, bis Dezember 2020 den Tourismus in der Region durch Erhöhung der Beförderungskapazitäten resp. Verkürzung der Reisezeiten weiter zu stärken. Beim anschliessenden Spaziergang durch den Ortskern wurde uns erneut bewusst, dass Grindelwald ein Ort ist, in dem Vergangenheit und Moderne auf engstem Raum aufeinandertreffen.

Während viele alte Gebäude das Dorf mit detaillierten Verzierungen und wunderschönen Blumenbalkonen schmücken, ist das ursprüngliche Ortsbild durch moderne Bausünden beeinträchtigt oder gar verunstaltet.
Nach dem künstlerisch-kreativen Morgen in unserem Chalet «Teufi» und dem entdeckungsreichen Nachmittag im Dorfkern von Grindelwald war unser Wissensdurst noch nicht vollends gestillt. Der Untere Grindelwaldgletscher war das Ziel unserer abendlichen Expedition in die Gletscherschlucht. Von dem imposanten Gletscher, welcher in der Anfangszeit des Alpentourismus noch bis ins Tal reichte und bergbegeisterte Touristen aus Grossbritannien in Staunen versetze, ist schon länger nichts mehr zu sehen.

Dafür raubte uns die beeindruckende Schlucht, in das Licht der Dämmerung getaucht, den Atem.
Dank einer kleinen exklusiven Führung konnten wir Einiges über die Entstehung der Gletscherschlucht, den ehemaligen Gletscher und die Volkslegende der Hackbrett Anni in Erfahrung bringen. Ein gelungener Abschluss bot der anschliessende Grillabend am Lagerfeuer, der begleitet war von Gitarre, Gesang und guten Gesprächen. Nach einem abenteuerlichen Fussmarsch nach Hause für die einen und einer kurzen Taxifahrt für die anderen sanken wir alle erschöpft, aber zufrieden in unsere Betten.

Tag 4

Am nebligen Donnerstagmorgen machten wir uns auf den Weg zur Bergbahnstation Pfingstegg. Dort brachte uns eine kleine, aber durchaus gemütliche Bergbahn zur Berghütte, wo unsere Wanderung zur Bäregg beginnen sollte. Ein Teil der Klasse entschied sich aufgrund der Strapazen der Vortage in der Berghütte auf eine Wetterbesserung zu warten. Der restliche Teil der Klasse begab sich gut gelaunt auf die einstündige Wanderung zum Berghaus «Bäregg». Nach einer kurzen Rastpause in der Nebelsuppe schafften sie schliesslich den Aufstieg.

«Trotz der Enttäuschung über die fehlende Aussicht starteten wir motiviert in den Nachmittag.»

Anschliessend gab es für alle eine kleine Verpflegung, bevor der Talmarsch in Angriff genommen wurde. Leider verbesserten sich die Wetterverhältnisse auch während des Abstiegs nicht, was die Sicht auf die Überreste des dahinschmelzenden Grindelwaldgletschers und die zahlreichen Narben von Felsstürzen der letzten Jahre erneut verunmöglichte.
Trotz der Enttäuschung über die fehlende Aussicht starteten wir motiviert in den Nachmittag.

Nach dem Mittagessen brachte uns die Pfingsteggbahn zurück zur Talstation, von wo aus wir gemütlich zum Dorfmuseum Grindelwald schlenderten. Um 14:30 Uhr wurden wir von Herrn Bomio, Bergführer und Initiant des Dorfmuseums, begrüsst. Mit einem passenden Einstieg zum Thema Briten in den Alpen gelang es ihm, unsere Aufmerksamkeit von Beginn an zu wecken. Später zeigte er uns das Interieur des Museums, wo wir Zeit hatten, selbst etwas herumzustöbern.

Als literarischen Wochenabschluss erhielten wir nach der Rückkehr ins Chalet «Teufi» einen Ausschnitt aus einem der womöglich berühmtesten Schauerromane: «Frankenstein» (1818) von Mary Shelley. Die Schriftstellerin liess sich schon im frühen 19. Jahrhundert von den Schweizer Alpen beeindrucken. Diese Überwältigung gibt sie gekonnt an die Leser/innen weiter. Unsere Aufgabe bestand darin, in der Gruppe eine ausgewählte Textstelle in modernen Sprachstil umzuschreiben. Der Kreativität wurden keine Grenzen gesetzt.

Die Herausforderung bestand somit nicht nur in der Suche nach einem bestimmten Schreibstil und dessen konsequenter Umsetzung, sondern auch in der Vortragsweise der entsprechenden Adaptation. So galt es für die Gruppen, ihre Versionen nach dem Nachtessen der Klasse zu präsentierten. Um die Motivation für den Auftrag zu stärken, gab es einen Publikumspreis für diejenige Gruppe, welche beim Vortragen den lautesten Applaus erhielt. Es entstanden kitschige Märchen, Gedichte in salopper Jugendsprache und ein Rap, welcher schliesslich beim Publikum am meisten punkten konnte. Diese kleinen Performances haben den letzten Abend noch weiter aufgeheitert und für einen runden Abschluss unserer Projektwoche gesorgt.

Tag 5

Nach einer erlebnisreichen Woche in den Berner Alpen nahmen wir am Freitag Abschied von unserer idyllischen Unterkunft mit Blick auf das beeindruckende Bergpanorama der Eigernordwand. Wenngleich unsere Rückfahrt nach Zürich – abgesehen vom Sitzplatzmangel – wesentlich unbeschwerlicher vonstattenging als die Heimkehr der britischen Tourismuspioniere, machten sich bei einigen von uns erste Zeichen der Schweizer Volkskrankheit «Heimweh» bemerkbar. Ähnlich wie der reisefreudige englische Dichter William Wordsworth (1770-1850) am Ende seiner Grand Tour durch Europa durften wir konstatieren, dass:

Though the toil of the way with dear friends we divide,
Though by the same zephyr our temples be fanned,
As we rest in the cool orange-bower side by side,
A yearning survives which few hearts shall withstand:
Each step hath its value while homeward we move;—
O joy when the girdle of England appears!

William Wordsworth: «Stanzas, composed in the Simplon Pass» (1822)

Arbeitsauftrag


Aus diversen Gründen konnten einige Studierende aus der Klasse G5a nur zum Teil oder gar nicht an der Projektwoche in Grindelwald teilnehmen. Deswegen haben sie einen Arbeitsauftrag zum Thema «Die Perzeption der Alpen im Wandel der Zeit» erhalten, den sie während dieser Zeit in Zürich bearbeiteten. Anhand einer Auswahl an Texten der englischen Literatur haben sie versucht herauszuarbeiten, wie die Briten im 19. Jahrhundert die Alpen wahrgenommen haben. Ausserdem haben sie aus dem Buch «Alpenlandschaften – Von der Vorstellung zur Handlung» Faktoren, welche besonders bedeutsam für heutige Vorstellungen der Alpen sind, herausgesucht. Gemeinsam haben sie ein Konzept erarbeitet und die Arbeiten untereinander aufgeteilt. Immer wieder haben sie sich zusammengesetzt, bis sie am Ende der Woche einen ausführlichen Bericht und eine PowerPoint-Präsentation zusammengetragen hatten.

 

Text: Klasse G5a, Roman Darms & Anita Diener
Bilder: Anita Diener