Die jährliche Sessellesung bietet KME-Studierenden die Möglichkeit, ihre Texte erstmals einem kleinen Publikum zu präsentieren; dieses Jahr nutzten Remo Stier und Sel Wanninger diese Gelegenheit. Die beiden KME-Lehrerinnen Anita Radulović und Meret Gut führten mit aufmerksamen Fragen souverän durch die Veranstaltung und moderierten die Diskussion über Gedanken und Entstehungsprozess der Texte.

Remo Stiers «Nächtlicher Besucher» entführt das Publikum in eine dystopische Zukunft, die geprägt ist von einer mächtigen KI und einer veränderten Demokratie. Der Ich-Erzähler grübelt über krasse Gegensätze und Unterschiede – z. B. zwischen dümmstem und klügstem Menschen – und darüber, ob wir überhaupt demokratiefähig sind. Gescheite Gedankenströme gleiten in eine Traumwelt über, reissen aber zum Ärger des Denkenden beim ‘Gang zur Toilette’ abrupt ab. Meret Gut stellte treffend fest: «Im Text ist eine grosse Einsamkeit spürbar – je gescheiter der Protagonist, desto einsamer wirkt er.» Das von Remo Stier vorgelesene Kapitel ist Teil seiner Maturarbeit, die in der Mediothek ausgeliehen werden kann.
Sel Wanningers Text «Aufhören, beginnen» entstand aus dem Auftreten eines Schluckaufs in einer stillen Bibliothek. Daraus entwickelte sie einen inneren Monolog über das Erinnern und Vergessen, eine Thematik, die sie umtreibt: «Es ist die Angst, von Freunden vergessen zu werden, wenn sich niemand mehr an mich erinnert» oder die Frage, ob man ohne Erinnerung überhaupt noch lebe. Anita Radulović resümierte, dass Sel Wanninger ein wunderbares Sprachbild gefunden habe, und so hört der Text stimmig mit dem Ende des Schluckaufs auf.
